Finanzberatung und Finanzbildung müssen gemeinsam voranschreiten
Analyse
In diesem Kontext haben FECIF und EFPA im Mai einen gemeinsamen Brief an Kommissarin Maria Luís Albuquerque gesandt (zum Nachlesen hier klicken…), angeregt durch ihre Rede am 10. April in Helsinki.
Der Brief argumentierte sorgfältig: Finanzbildung gibt den Bürgern die Grundlage zu verstehen, dass finanzielle Entscheidungen wichtig sind, doch erst professionelle Beratung übersetzt dieses Verständnis in personalisierte und geeignete Entscheidungen. Das eine kann das andere nicht ersetzen. Der Brief wies auch auf ein Problem hin, das Regulierungsbehörden nicht ignorieren können: die zunehmende Verbreitung unregulierter Finanz-Content-Ersteller (Anmerkung: Gemeint sind hier die FinFluencer), die Millionen Menschen mit Ratschlägen erreichen, für die ihnen die Qualifikation fehlt. Hochwertige, regulierte Beratung ist einer der wirksamsten Schutzmechanismen gegen dieses Risiko.
Am 30. September 2025 startete die Europäische Kommission ihre EU-Strategie für Finanzkompetenz – ein Meilenstein, den FECIF ausdrücklich begrüßt. Die Umsetzung hat bereits begonnen: Expertengruppentreffen starteten im ersten Quartal 2026, Praxisworkshops laufen, und ein Pilotprojekt wurde im EU-Haushalt 2026 genehmigt. Ein Netzwerk von „Botschaftern für Finanzkompetenz“ wird aufgebaut, und bis 2027 wird ein neuer Eurobarometer die Fortschritte messen.
Dennoch steht die Strategie vor einer strukturellen Grenze: Nach Artikel 165 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union liegt die Bildungspolitik in der Zuständigkeit der Mitgliedstaaten. Die Kommission kann Bildungsministerien nicht verpflichten, Lehrpläne zu aktualisieren oder Finanzbildung verpflichtend einzuführen. Die Schlussfolgerungen des Rates von 2024 befürworteten genau dies – aber eine politische Empfehlung ist keine bindende Verpflichtung. Organisationen der Zivilgesellschaft – NGOs, Berufsverbände, Verbraucherorganisationen, Branchenverbände – müssen daher eine strukturierte, evidenzbasierte Argumentation aufbauen und in nationale Hauptstädte und regionale Parlamente tragen. Und es ist die Zivilgesellschaft selbst – Eltern, Lehrkräfte, lokale Gemeinschaften –, die den politischen Druck erzeugt, der tatsächlich Lehrpläne verändert. Beide müssen Teil dieser Diskussion sein, und die Kommission sollte aktiv eine Plattform schaffen, die sie in einen strukturierten Dialog mit nationalen Behörden bringt. Das Jahr 2026 sollte nicht als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem Europa über verpflichtende Finanzbildung gesprochen hat – sondern als das Jahr, in dem wir begonnen haben, sie tatsächlich umzusetzen, mit einem glaubwürdigen Weg zu Ergebnissen bis 2030.
Die Erkenntnisse aus jüngsten EU-Politikinitiativen zeigen einen anhaltenden blinden Fleck: Der Berufsstand der Berater wird durchgehend reguliert, aber selten anerkannt. Die Retail Investment Strategy – politisch vereinbart im Dezember 2025 – stärkt die Pflichten für Berater und bewahrt berufliche Qualifikationsstandards. Begrüßenswerte Bestimmungen. Doch die RIS stellt den Berater nirgends als strategisches Gut für die Beteiligung von Kleinanlegern dar und schweigt zu Zugangsdefiziten bei Beratung. Der Initiativbericht (INI) des Europäischen Parlaments zu Finanzkompetenz und Finfluencern, verabschiedet im April 2026, folgt demselben Muster. Erwägungsgrund G stellt fest, dass nur 38 % der EU-Bürger dem erhaltenen Anlage-Rat vertrauen – dargestellt als Problem, nicht als Aufruf, in Qualität und Zugänglichkeit der Beratung zu investieren. Der einzige operative Verweis auf regulierte Vermittler erscheint als Vergleichsmaßstab für Finfluencer: Sie erfüllen bereits hohe Schutzstandards, anders als unregulierte Content-Ersteller. Die richtige Schlussfolgerung ist daher nicht nur, die Regeln für Finfluencer zu verschärfen – sondern auch den regulierten Berufsstand anzuerkennen, der bereits das leistet, was Finfluencer nicht können. Der ESMA-Bericht vom März 2026 über den Weg der Kleinanleger kommt dem am nächsten, indem er den Bedarf an qualifizierten Beratern als Teil des Vertrauensdefizits identifiziert, das die Beteiligung hemmt. Doch selbst dort wird die Folgemaßnahme als regulatorische Vereinfachung formuliert, nicht als politisches Bekenntnis zur öffentlichen Rolle des Beraters.
Dieser Brief an Kommissarin Albuquerque ist Teil eines umfassenderen Engagements. Im vergangenen Jahr hat FECIF formelle Stellungnahmen zu wichtigen europäischen Konsultationen abgegeben, darunter:
- Europäische Kommission: Öffentliche Konsultation zur Spar- und Investitionsunion (SIU)
- ESMA: Aufruf zur Stellungnahme zum Weg der Kleinanleger im Rahmen von Vereinfachungs- und Entlastungsmaßnahmen
- Europäische Kommission: Öffentliche Konsultation zu ergänzenden Renten
Am 21. April stellte FECIF in Brüssel sein White Book 2025 bei einer Veranstaltung mit dem Titel Finanzberatung für Europas Zukunft: Bürger befähigen zu sparen, zu investieren und vorzusorgen vor. Wie die Vorsitzende Vania Franceschelli bei der Vorstellung betonte, dient das Dokument dazu, die Bedeutung der Rolle des Finanzberaters zu bekräftigen – für einzelne Bürger ebenso wie für das wirtschaftliche Wohl Europas insgesamt. Seine Empfehlungen sind konkret: offizielle Anerkennung professioneller Beratung, intelligentere Regeln für digitale Finanzen, stärkere Finanzbildung, mehr Geschlechtergerechtigkeit und ein erneuter Fokus auf ergänzende Altersvorsorgemodelle.
Im Jahr 2026 verstärkt FECIF seine Präsenz in Brüssel durch persönliche Treffen mit EU-Institutionen und Branchenvertretern. Allein in diesem Juni: Mitglieder des Europäischen Parlaments, die an der PEPP-Verordnung und dem Paket zu ergänzenden Renten beteiligt sind, zuständige Einheiten der Generaldirektion FISMA für die Koordination der SIU sowie Partnerorganisationen wie EFAMA, Insurance Europe und PensionsEurope. Die Botschaft ist klar: Der Zugang zu qualifizierter Beratung ist entscheidend für die Altersvorsorgeplanung, und jede europäische Initiative zu ergänzenden Renten muss nationale Unterschiede respektieren und Einheitslösungen vermeiden, die historisch die Akzeptanz begrenzt haben.
Europa verfügt über ein geschätztes Haushaltsfinanzvermögen von 50 bis 70 Billionen Euro, von dem ein großer Teil in Anlagen mit niedriger Rendite gebunden ist. Die Herausforderung ist nicht ein Mangel an Kapital – sondern Vertrauen, Orientierung und die richtigen Rahmenbedingungen für langfristige Investitionen. FECIF – die einzige europäische Organisation, die ausschließlich Finanzberater und Vermittler auf EU-Ebene vertritt und rund 450.000 Fachkräfte repräsentiert – verfolgt dabei konsequent eine Linie: starker Verbraucherschutz, harmonisierte Berufsstandards und die Anerkennung des Beraters als strategisches Gut. Nicht als Kostenfaktor für Compliance, sondern als vertrauenswürdiger Profi, dessen Arbeit politische Ziele mit den realen finanziellen Lebenswelten der Bürger verbindet.
Der Berufsstand ist bereit. Der politische Moment ist da. FECIF ist engagiert.
Editorial von Stefka Topalova, EFPA General Manager
Das Editorial in Original-Sprache (Englisch) können Sie hier nachlesen…